Megacities
© Hans-Georg Esch

Das Anwachsen der Stadträume zu Megacitys und Metropolregionen bringt auch fundamentale Veränderungen in Versorgung, Transport und Logistik. Ein Interview mit Konrad Otto-Zimmermann, Generalsekretär des ICLEI (Local Governments for Sustainability).

Megacitys in aller Welt sind Wachstumsmotor und Ressourcenfresser in einem. Kann aus diesem Zielkonflikt ein zukunftsfähiges Modell entstehen?

Otto-Zimmermann: Städte bilden tatsächlich die Zentren, in denen künftig die meisten Menschen leben werden, wo Kultur entsteht, wo geforscht und entwickelt wird. Es sind die Wirtschaftsmetropolen der Welt. Gleichzeitig beanspruchen nicht nur die Städte als Gebilde, sondern auch die Menschen mit ihrem städtischen Lebensstil erhebliche Ressourcen. Um Städte nachhaltig zukunftsfähig zu gestalten, müssen sie extrem transformiert werden. Sie müssen umweltverträglicher, ressourcenschonender, ökoeffizienter, CO²-ärmer und viel widerstandsfähiger gegen Krisen, Katastrophen sowie die Wirkung des Klimawandels werden. Da gibt es enorme Aufgaben, damit diese Städte, in denen in 40 Jahren wohl zwei Drittel der Menschheit leben werden, den Stadtbewohnern überhaupt ein sicheres Dasein ermöglichen.

Wasserversorgung, Energie, Verkehr ... Wo liegen die grössten Herausforderungen, oder betrifft es alle Bereiche?

Eine Priorität lässt sich nicht benennen. Es geht darum, in allen Bereichen den Bedarf zu senken und die Effizienz nahezu synchron zu verbessern. Eine Wasserverknappung ist in vielen Megacitys vorauszusehen, wenn die Städte weiter wachsen, während der Klimawandel zu einer ungewissen Wasserverfügbarkeit führt. Es wird Energieprobleme geben – schon heute sind da viele Städte unterversorgt. Wir müssen die Energieversorgung umstellen auf umweltverträgliche Technologien, was ein zusätzliches Problem bedeutet. Die Ernährung, auch die Zufuhr von erschwinglichen Nahrungsmitteln in die Städte über kommende Jahrzehnte, sind Aufgaben, für die es im Augenblick und mit den heutigen Mitteln noch keine Lösung zu geben scheint. Bei zunehmender Weltbevölkerung werden wir ausserdem eine Verknappung an guten Agrarflächen haben; viel Agrarfläche fällt jährlich der Erosion, Versalzung und Wüstenausdehnung zum Opfer. Und da die Städte im extremen Masse auf die Ressourcenzufuhr von aussen angewiesen sind spielt auch die Logistik künftig eine noch bedeutendere Rolle.

Verkehr und Transport bilden schon heute ein grosses Thema und werden zu einer Riesenherausforderung für die Zukunft der Städte werden. In vielen Ballungsräumen gehören schon heute permanente Verkehrsstaus, die sich über mehrere Stunden hinziehen, zum Alltag. Mit den Ressourcen, Technologien und Steuerungsinstrumenten, die wir heute kennen, ist da keine Lösung sichtbar.Diese wird nur durch erhebliche Effizienzgewinne, Doppelt- und Mehrfachnutzung, Nachnutzung, längere Lebensdauer von Infrastruktur sowie Downsizing der Dimensionen gelingen. Heute wird zum Beispiel ein Mensch in einem Fahrzeug transportiert, das das Zwanzigfache seines Gewichtes hat, während es doch durchaus möglich ist, kürzere Wegstrecken auch mit einem Verkehrsmittel zurückzulegen, das lediglich ein Fünftel des menschlichen Gewichts hat, nämlich dem Fahrrad.

 

Megacities
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Bewusstseinsbildung oder staatliche Regularien?

Ist das nicht ein fundamentales Problem: Der Mensch, der seinen Lebensstil bewahren will? Wobei sich die Menschen in den wachstumsstarken Regionen wie Lateinamerika, Indien, China sehr am Westen und dessen Wohlstandsgebaren orientieren. Ist hier ein Bewusstseinswandel möglich?

Die Frage ist, auf welche Weise diese Transformationen, die auf jeden Fall kommen müssen, angegangen werden können, ohne dass sie durch Krisen erzwungen werden. Ein Ansatz geht sicher über die Bewusstseinsbildung und die Änderung von Präferenzen, Werten und dem Lebensstil. Ein anderer könnten staatliche Regulierungen sein. Wir sehen aber schon beim Klimaschutz, dass die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage ist, das Fortbestehen der menschlichen Zivilisation durch globale Vereinbarungen zu schützen. Ein dritter Weg wäre, dass die Wirtschaft die Lösungen der Zukunft anbietet, doch dagegen spricht die Wettbewerbssituation, die keinen Anreiz gibt, weniger zu konsumieren und unerwünschte Produktionen einzustellen. Es kann aber auch sein, dass es zu Einschränkungen der Lebens-, Nahrungs- und Mobilitätsgewohnheiten kommt – und die Menschen sich einfach daran gewöhnen. Es sind mehrere Szenarien denkbar, und es werden in unterschiedlichen Städten auch mehrere Szenarien eintreten.

Haben Sie Beispiele, wo Städte schon zukunftsfähig handeln, in dem, was sie entwickeln und umsetzen?

Ein Thema ist der motorisierte Verkehr. Nicht nur, weil der Brennstoff ausgehen wird, sondern auch wegen den Emissionen und des Platzbedarfs. In der Ära der Ressourcenknappheit wird eine Stadt viel besser dran sein, die schon heute ein hervorragendes öffentliches Verkehrsnetz hat. Der öffentliche Nahverkehr ist das Rückgrat des Pendlerverkehrs. Solche Städte gibt es, aber auch andere, die noch weit davon entfernt sind. Gleiches gilt im Güterverkehr und in der Stadtlogistik. Wer heute hier in zukunftsgemässe Lösungen investiert, wird im Wettbewerb der Städte viel besser dastehen.

Fehlende Regulatoren in der Stadtlogistik

Letzten Endes führt ja gerade die Versorgung in den Städten immer wieder zu Chaos auf den Strassen. Müsste man nicht versuchen, mit neuen Konzepten den Verkehr von vorneherein aus den Städten herauszuhalten? Für die persönliche Mobilität wie für die logistische Versorgung?

Während in der Industrie die Zulieferung und der Transport unter dem Kostendiktat schon weitgehend optimiert sind, herrschen beim Stückgut und der Postverteilung in der Stadt geradezu anachronistische Zustände. Das ist durch den Wirtschaftswettbewerb und die freie Marktwirtschaft bedingt, aber auch dadurch, dass Stadtlogistik von niemandem geplant wird. Es fehlt einfach eine „transport & planninggovernance", eine „metropolitangovernance", die das integriert betrachtet, plant und entscheidet.

Wenn wir sehen, wie der Onlinehandel zurzeit explodiert, was könnten aus Ihrer Sicht sinnvolle Schritte sein? Auch um Aufmerksamkeit dafür zu bekommen, dass es für die Städte künftig andere Lösungen gibt, als nur Strassen bereitzustellen.

Zunächst wäre die Schnittstelle zwischen Holen und Bringen zu optimieren. Hole ich mir alles aus verschiedenen Geschäften, in denen Lebensmittel, Geräte, Baustoffe usw. gelagert sind, oder kommen die Produkte aus zentralen Lagern zu mir? Und werden sie dann zu jeder Haustür geliefert oder nur zu jedem Haus, zu jedem Block? Es ist auch unsinnig, alles mit Fahrzeugen auf Strassen abzuwickeln. In modernen Flughäfen läuft der Grossteil des Gepäcktransports unterirdisch und über Förderbänder, warum soll es in Städten anders sein? Kann eine moderne Stadt nicht auch im Untergrund ein Verteilsystem für Güter haben, das von den verschiedensten Lieferanten und Empfängern als gemeinsames System betrieben wird? Ähnlich einer Strasse, auf der auch alle möglichen Menschen, Dienste und Firmen unterwegs sind.

Stückgüter wären an bestimmten Annahmestellen einzuspeisen, zu adressieren, zu kodieren und kämen nach kurzer Zeit automatisch geleitet bei bestimmten Entnahmestellen an. Solche Ausgabe- oder Entnahmestellen könnten in jedem Gebäudeblock und in allen grossen Hochhäusern sein, wo die unterirdische Logistikverteilung ankommt und von wo man sich seine Sendungen abholt und mit dem Aufzug hoch in das Geschäft, das Büro oder die Wohnung transportiert. Das Problem ist, ob wir in den Städten überhaupt Platz für ein solches Logistik-Tunnelsystem finden? Aber wenn sowieso ein Kanal erneuert wird, könnte man nicht daneben einen Multifunktionstunnel anlegen, der es ermöglicht, solche Verteilsysteme einzubauen? Wir müssen auch bedenken, dass sich die städtische Kapazität künftig verdoppeln wird, und dass für drei bis dreieinhalb Milliarden Menschen ganze Städte und Stadtteile gerade in Asien neu gebaut werden. Warum sollten diese immer noch dem archaischen System der geteerten Strasse und dem darauf gesetzten LkW folgen und nicht von Anfang an neue Wege umsetzen?

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