Das Interroll Research Center (IRC) in Baal ist eine der wichtigsten Einrichtungen, mit denen Interroll ihre Innovationsführerschaft kontinuierlich ausbaut.
Das Interroll Research Center (IRC) in Baal ist eine der wichtigsten Einrichtungen, mit denen Interroll ihre Innovationsführerschaft kontinuierlich ausbaut.

Immer mehr, immer schneller: Der internationale Warenstrom ist längst zur wichtigsten Schlagader der Wirtschaft geworden. Für die weitere Steigerung seiner Leistungsfähigkeit spielt die Technologie und Produktentwicklung bei Materialflusslösungen eine zentrale Rolle. Ein Gespräch mit Dr. Ralf Garlichs, Executive Vice President Products & Technology der Interroll Gruppe, über die Frage, wie das Unternehmen im Zeitalter von E-Commerce und fortschreitender Digitalisierung seine Innovationsführerschaft ausbauen will.

Herr Dr. Garlichs, seit Jahren gehört die Intralogistik zu den wachstumsstarken Wirtschaftszweigen. Ist nicht bald ein Ende in Sicht?

Natürlich weiss niemand, was die Zukunft genau bringen wird. Die wirtschaftliche Entwicklung ist ja bekanntlich immer auch von externen, zum Beispiel politischen, Faktoren abhängig. Schaut man aber auf das allgemeine Marktumfeld, erkennt man starke Wachstumstreiber in der Intralogistik-Branche, die ihre Wirkung immer noch nicht voll entfaltet haben. Neben der prognostizierten Zunahme beim globalen Flugverkehr und der fortschreitenden Einführung von modernen Materialflusslösungen in der Produktion ist dies vor allem der Boom des E-Commerce in den Industrie- und Schwellenländern. Obwohl wir hier bereits seit einigen Jahren rasante Wachstumsraten verzeichnen, stehen wir bei der Nutzung des Online-Handels nach Expertenmeinung immer noch am Anfang dieses Trends – so soll sich der weltweite E-Commerce-Umsatz zwischen 2016 und 2020 mehr als verdoppeln. Dabei wächst nicht nur das Volumen der online bestellten Waren, sondern es steigen auch die Anforderungen an die Schnelligkeit und Zuverlässigkeit der Lieferungen, sowohl beim Geschäft mit den Endverbrauchern als auch bei der sich ausbreitenden Just-in-Time-Produktion. In diesem Szenario spielen wir eine wichtige Rolle.

Nun könnte man meinen, dass die hierfür nötige Infrastruktur ja in absehbarer Zeit einmal ausreichend ausgebaut sein müsste...

Verwechseln Sie nicht den Materialfluss mit Verkehrs-oder Telekommunikationsinfrastrukturen. Dort kann man Last- und Personenwagen beziehungsweise Sprache und Daten problemlos über dieselben Verbindungen schicken. Förderstrecken für die innerbetriebliche Logistik sind auf viel spezifischere Anforderungen ausgelegt. Da spielen vor allem das Gewicht, die Grösse, die Anzahl oder die Verpackungsart der Transportgüter die massgebende Rolle. Unternehmen, die – etwa wegen neuer Angebote an ihre Kunden – diese Parameter ändern, können hierzu meist nicht einfach ihre vorhandene Infrastruktur verwenden. Dabei rede ich noch nicht einmal über den Unterschied, den tonnenschwere Paletten oder leichte Kartons ausmachen, oder über die besonderen hygienischen Anforderungen in der Lebensmittel- oder Pharmaindustrie. Verändern sich zum Beispiel durch die demographische Entwicklung, die zu immer mehr Kleinhaushalten führt, oder etwa durch die Marketingstrategien des Handels die Verpackungsgrösse oder -art, muss die jeweilige Materialflusslösung entsprechend angepasst oder sogar neu aufgebaut werden.

Interroll verfolgt Plattformstrategie für Förderstrecken

Heisst das, dass Sie wegen dieser Bedingungen für jeden Anwendungsfall neue Produkte entwickeln müssen?

Nein. Dieser Weg wäre für uns, unsere Kunden, also die Systemintegratoren und Anlagenbauer, sowie die Anwender unserer Lösungen überhaupt nicht wirtschaftlich darstellbar. Deshalb verfolgen wir bei unserer Technologieentwicklung seit Jahren den Weg der Plattformstrategie. Wie beim bekannten Lego-System entstehen so für Kunden auf der ganzen Welt anwenderspezifische Lösungen, die immer auf bereits bewährten Qualitätskomponenten aufbauen. Diese Strategie hat nicht nur den Vorteil, dass wir die Komplexität unserer Produktion deutlich senken, sondern auch, dass wir unsere Produktentwicklung und –erweiterung schrittweise und gezielt vorantreiben können, indem wir vorhandene Komponenten adaptieren, neu kombinieren oder einzelne Elemente gezielt hinzufügen. 

Was heisst das konkret?

Nehmen Sie als Beispiel unsere modular ausgelegte Fördererplattform MCP. Diese Plug-and-Play-Lösung für einen hocheffizienten staudrucklosen Materialfluss haben wir zunächst erfolgreich für Anwendungen entwickelt, die den Betreibern von Distributionszentren, also einem unserer klassischen Zielmärkte, einen echten Mehrwert bieten. Dann haben wir die entsprechenden Materialfluss-Anforderungen in der produzierenden Industrie evaluiert und unsere Lösung mit dem gleichen Erfolg auch in der Reifenindustrie platziert. Nun gehen wir weiter und nehmen mit dieser Lösung auch die Mode- und Tiefkühlbranche in den Blick. Doch die Erweiterung der Anwendungsfelder und unserer Absatzbereiche ist längst nicht der einzige Vorteil dieses Vorgehens: Der Charme unserer Plattformstrategie besteht auch darin, dass wir unser vorhandenes Know-how wirtschaftlich besser nutzen, indem wir recht problemlos Technologietransfers vornehmen. Ein Beispiel ist die Übertragung unseres dezentralen Antriebs- und Steuerungsprinzips, das wir bisher auf Basis der DC RollerDrive einsetzen, auf 400-V-Lösungen für die Palettenförderung. Damit können unsere Kunden nun einen kompletten, staudrucklosen Palettenförderer realisieren – und doch gleichzeitig von den Vorteilen bereits hunderttausendfach bewährter Komponenten profitieren.

Interrolls Innovationscampus behandelt Themen wie „Industrie 4.0“ und Digitalisierung

Die Wirtschaft digitalisiert sich zunehmend. Wie gehen Sie mit der Entwicklung rund um „Industrie 4.0“ um?

Die Digitalisierung hat heute auch die Intralogistik erreicht. Darauf haben wir uns vorbereitet und nicht nur unsere Produktionsabläufe durch eine Kaizen-basierte Unternehmenskultur kontinuierlich verbessert und unsere Standorte in Wermelskirchen, Kronau und künftig auch in Thailand ausgebaut, sondern in den letzten Jahren auch rund 13 Millionen Euro in den zentralen Innovationscampus unserer Gruppe in Baal bei Düsseldorf investiert. Damit haben wir unsere Innovationsfähigkeit – gerade auch mit Blick auf die sogenannte „Intralogistik 4.0“ – nachhaltig gestärkt. So haben wir dafür gesorgt, dass unsere Plug-and-Play-Produkte auf offenen und standardisierten Datenschnittstellen basieren. Systemintegratoren können ihren Kunden also problemlos die Daten von vernetzten Sensoren oder von Steuerungen an übergeordnete Verarbeitungssysteme bereitstellen. Gleichzeitig arbeiten unsere Entwickler daran, die bereits sehr hohe Verfügbarkeit unserer Lösungen durch die Möglichkeit einer Instandhaltung weiter zu steigern. Damit signalisieren die Produkte dem Anwender dann selbsttätig, wann ihr optimaler Austauschzeitpunkt ansteht. Ausserdem wollen wir dafür sorgen, dass sich unsere Steuerungen per Plug and Play automatisch konfigurieren – ein weiterer Mehrwert, der das Geschäft unserer Kunden erleichtert.

Stichwort "Einfachheit": Dies ist ja ein zentrales Versprechen der Digitalisierung...

Absolut – und dies lösen wir nicht nur auf der Produktebene ein. So unterstützen wir unsere Kunden etwa mit bedienungsfreundlicher Software, zum Beispiel unserem «Layouter», bei der Konzeption und dem Design ihrer jeweiligen Projekte. Damit lassen sich auch anspruchsvolle Lösungen, die unsere Produkte integrieren, ganz einfach per Mausklick zusammenstellen. Diese virtuelle Konfigurations-Plattform wird von den Kunden sehr gut angenommen, weil sie deren Arbeitsabläufe extrem vereinfacht. Ausserdem können wir unsere internen und externen Prozesse durch die auf HANA basierende globale SAP-Infrastruktur deutlich vereinfachen und beschleunigen. Doch bei allen Chancen, die die Digitalisierung bietet, bleiben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unser wichtigstes Fundament. Deshalb investieren wir in konzernweite Schulungs- und Weiterbildungsprogramme – unsere unternehmenseigene Interroll Academy in Baal ist eine der zentralen Säulen unserer Innovationsstrategie.

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