Arzt mit Spenderorgan
Ein Arzt begibt sich in der Rega-Halle am Flughafen Zürich mit einem gesunden Herz zur Ambulanz. Das Herz soll einem siebenjährigen Kind eingepflanzt werden. © Keystone Schweiz

Wenn Tempo lebenswichtig wird: Organtransplantationen sind nicht nur medizinische Meisterleistungen, sondern stets ein Wettlauf mit der Zeit. Ausgefeilte Transporttechniken und eine präzise Organisation sind tatsächlich lebensentscheidende Faktoren in dem komplexen Prozess.

Den einen erschien es wie Frevel, die anderen sahen darin schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Lange Zeit galt die Idee, Organe als Ersatzteile aus dem Körper eines Menschen in den eines anderen zu verpflanzen, als reinste Utopie.

Doch spätestens seit der ersten erfolgreichen Transplantation eines menschlichen Herzens am 3. Dezember 1967 durch den südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard war klar: Selbst dieses zentrale, lebenswichtige Organ ist in der Lage, die Strapazen einer Übertragung in einen fremden Organismus zu überstehen.

Seither, so könnte man glauben, gehören Organtransplantationen zum Standardprogramm der Medizin. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden 2014 weltweit rund 80.000 Nieren, 26.000 Lebern, 6.500 Herzen und 4.700 Lungen verpflanzt.

Eine organisatorische Meisterleistung. Denn bis heute ist jede Transplantation ein Wettlauf mit der Zeit. Allein in Deutschland warten derzeit mehr als 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Bei manchen Organen sind es dreimal so viele Patienten, wie Transplantate vermittelt werden können. Darüber hinaus müssen die Größe und die Beschaffenheit der Organe eines Spenders zum potenziellen Empfänger passen.

Zustellung empfindlicher Fracht: eine logistische Meisterleistung

Häufig liegen zwischen Spender und Patient große Distanzen. Tatsächlich müssen die Organe fast immer transportiert werden, oft über Ländergrenzen hinweg. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch wertvolle Zeit – und kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass die ohnehin knappen Spenderorgane unbrauchbar werden. Denn je länger die empfindlichen Gewebe nicht durchblutet werden, desto mehr Schäden entstehen in den Zellen. Und desto schlechter stehen die Chancen, dass das Organ die Transplantation übersteht und möglichst lange im Körper des Empfängers seinen Dienst tun kann.

Dabei entzieht sich schon der Start des Countdowns jeder Planung. Denn niemand kann im Voraus wissen, wann ein möglicher Organspender durch einen Unfall, eine schwere Hirnblutung oder einen Herzinfarkt stirbt. Fest steht nur: Sobald der Betroffene in der Intensivstation eines Krankenhauses liegt und die klinischen Anzeichen eines Hirntods zeigt, tickt die Uhr. Denn die Kreislaufsituation des potenziellen Spenders wird während der Wartezeit bis zur Entnahme der Organe immer schlechter.

„Beim Hirntod erlischt ja nicht nur die Gesamtfunktion des Gehirns", sagt Undine Samuel, Geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Gleichzeitig fallen auch alle Reflexe des Hirnstamms und die selbstständige Atmung aus. Innerhalb kürzester Zeit droht ein akuter Sauerstoffmangel, der in den Geweben der Organe massive Schäden anrichten kann. Kommt eine Organspende in Betracht, müssen die Ärzte daher alles dafür tun, dass das Herz des Spenders weiterschlägt und alle lebenswichtigen Stoffwechselfunktionen aufrechterhalten bleiben. Parallel dazu startet bereits kurz nach der Hirntod-Diagnose ein wichtiges anderes Programm: jenes Protokoll nämlich, das es heute ermöglicht, alle Schritte der Organspende so zu koordinieren, dass sie – idealerweise – binnen 24 Stunden nach der Todesdiagnose abgeschlossen sind.

Das wäre freilich nicht möglich, würden die behandelnden Ärzte und Krankenhäuser dabei nicht in fast allen Ländern der Welt durch zentrale nationale oder internationale Koordinierungsstellen wie die DSO in Deutschland oder die Organización Nacional de Trasplantes (ONT) in Spanien unterstützt. Deren Mitarbeiter navigieren die beteiligten Mediziner durch alle Schritte der Organspende, ermitteln die passenden Empfänger, organisieren den Transport und stimmen die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Transplantationszentren ab. Bis zu 150 Beteiligte arbeiten dabei über mehrere hundert Kilometer hinweg zusammen.

Schritte bis zu einer Organtransplantation:

  • Schritt 1: Zuerst müssen zwei speziell qualifizierte Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Schritt zwei ist der vielleicht schwierigste Part: die Klärung der rechtlichen Situation. Einfach ist der Fall, wenn der Patient einen Organspendeausweis hat oder zu Lebzeiten seinen Willen zur Organspende mitgeteilt hat. Doch meist gibt es weder noch.
  • Schritt 2: Stimmen die Hinterbliebenen zu, erfolgen eine sorgfältige Anamnese und ein gründlicher medizinischer Check. Zum einen, um den künftigen Empfänger vor einer Übertragung von Krankheiten wie Aids, Hepatitis oder Krebsleiden zu schützen. Zum anderen werden in der Untersuchung wichtige Eigenschaften wie die Blutgruppe und immunologische Faktoren, wie die so genannten HLA-Merkmale, des Spenders bestimmt. Von diesen hängt maßgeblich ab, ob der Organismus des Empfängers das fremde Organ „akzeptiert".
  • Schritt 3: Sind nach mehreren Stunden alle medizinischen und rechtlichen Voraussetzungen für eine Organspende geklärt und positiv entschieden, leitet ein Koordinator der DSO die Untersuchungsergebnisse zu Spender, Blutgruppe und Gewebemerkmalen an jene Stelle weiter, die für die Suche nach einem geeigneten Spender zuständig ist. Für Zentraleuropa ist das die Stiftung Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden.
  • Schritt 4: Deren Mitarbeiter gehen dort die Warteliste aller potenziellen Empfänger durch. Zu welchem Kranken passen die Organe des Spenders? Dazu sind Körpergröße, Gewicht, Leibesumfang und Lebensalter des Toten ausschlaggebend sowie der Allgemeinzustand der Organe. Entscheidend für die Zuteilung sind am Ende vier Prinzipien.

An erster Stelle steht die Erfolgsaussicht der Transplantation. Sie hängt maßgeblich von der Gewebeübereinstimmung ab. Hier zeigt sich der Vorteil der länderübergreifenden Kooperation von Eurotransplant: Durch die Größe des Einzugsgebiets – in den sieben Ländern leben 135 Millionen Menschen – ist es möglich, fast jedem Spenderorgan einen geeigneten Empfänger zuzuordnen.

Als zweites und drittes Kriterium für die Vergabe kommen die Dringlichkeit einer Transplantation für die einzelnen Patienten sowie die Wartezeit hinzu. Nicht zuletzt spielt die sogenannte nationale Organaustauschbilanz eine Rolle. Sie sorgt dafür, dass Länder mit einer hohen Organspende-Rate, wie etwa Belgien, Kroatien und Österreich, nicht permanent Organe in Länder mit einer niedrigen Rate, wie zum Beispiel Deutschland, liefern. Sobald die passenden Patienten gefunden sind, werden sowohl die Empfänger als auch die jeweils zuständigen Transplantationszentren informiert. Diese müssen die Transplantationsoperation nicht nur vor Ort vorbereiten. Sie sind es auch, die ihre Operateure zur Entnahme der Organe ins Krankenhaus des Spenders schicken.

Oberstes Ziel ist es dabei, die Zeit, in der die Organe nach der Entnahme nicht durchblutet werden, so kurz wie möglich zu halten

, betont Undine Samuel. Besonders kritisch ist diese sogenannte kalte Ischämiezeit für hochempfindliche Gewebe wie das Herz und die Lunge. Zwar werden alle Organe vor der Entnahme mit einer gekühlten Konservierungslösung gespült und in gut isolierte Boxen verpackt. Diese Behandlung verhindert nicht nur, dass es in den Organen zur Blutgerinnung kommt. Durch die Kühlung kommen auch die meisten (schädlichen) Enzym-Reaktionen in den Zellen zum Stillstand.

Transport der Kühlboxen meist in der Luft

Die DSO zum Beispiel hat deshalb deutschlandweit ein Netzwerk von Kooperationspartnern aufgebaut, um die Transporte sicherzustellen. Je nachdem, wie schnell das Organ zum Empfänger muss und wie weit seine Klinik von der des Spenders entfernt ist, reist die Kühlbox mit den Organen heute mit dem Auto oder dem Charter-Flugzeug, in seltenen Fällen auch mit dem Hubschrauber oder der Bahn zu ihrem Ziel.

Eine Herztransplantation beispielsweise, bei der sich der Spender in Hamburg und der Empfänger in München befinden, ist ohne Transport per Flugzeug nicht zu schaffen. 30 bis 35 Prozent der Organe werden daher auf dem Luftweg befördert. In einzelnen Fällen kann es aufgrund der länderübergreifenden Kooperation sogar sein, dass ein Organ zum Beispiel per Flugzeug von Frankfurt nach Zagreb und anschließend mit dem Hubschrauber zu einem der fünf kroatischen Transplantationszentren gebracht werden muss. Das hat seinen Preis. Ein einzelner Organtransport kann so bis zu 16.000 Euro kosten. All das hätte sich Transplantationspionier Christiaan Barnard wohl kaum träumen lassen. Bei seiner waghalsigen ersten Verpflanzung eines menschlichen Herzens war der südafrikanische Chirurg vom Groote Schuur Hospital in Kapstadt in Sachen Logistik nämlich klar im Vorteil.

Seine Spenderin, die 25 Jahre junge Bankangestellte Denise Ann Darvall, hatte am 2. Dezember 1967 bei einem schweren Verkehrsunfall tödliche Hirnverletzungen erlitten. Zur selben Zeit lag der spätere Empfänger, der 54-jährige, sterbenskranke Lebensmittelhändler Louis Washkansky, in Barnards Klinik und wartete nach drei schweren Infarkten auf den Tod. Barnard erkannte die einzigartige Chance. Nachdem ein Neurochirurg Darvalls Hirnverletzungen für tödlich erklärt hatte, wurde ihr Körper an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und auf 16 °C abgekühlt und ihr Herz in knapp zwei Minuten entfernt. 

Drei Stunden später befand es sich bereits im Brustkorb von Washkansky – Denise Darvall hatte während des gesamten Vorgangs im direkt benachbarten Operationssaal gelegen.

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