Von den Zentrallagern ins Katastrophengebiet müssen die unterschiedlichsten Transportmittel eingesetzt werden.
Von den Zentrallagern ins Katastrophengebiet müssen die unterschiedlichsten Transportmittel eingesetzt werden.

Erdbeben in Nepal, Ebola in Afrika, Krieg in Syrien, Hungersnot in der Sahelzone – überall sind die Médecins Sans Frontières und ihre Helfer in vorderster Linie im Einsatz. Doch damit sie retten können, ist eine perfekte Logistik Voraussetzung. Ein Blick hinter die Kulissen.

Eine 13.000 Quadratmeter große Lagerhalle, gefüllt mit Hochregalen, die bis zur Decke reichen – und mit Produkten, die weltweit Leben retten. Die Halle ist Mittelpunkt des neu gebauten Logistikzentrums der Médecins Sans Frontieres, kurz MSF, verkehrsgünstig nahe der belgischen Hauptstadt Brüssel.98 Menschen arbeiten hier. Zusammen mit weiteren Zentren in Bordeaux und Dubai, sowie zahlreichen lokalen Lagern rund um die Welt, bildet es das logistische Rückgrat der Versorgungskette einer Organisation, die sich überall dort engagiert, wo ärztliche Hilfe dringend benötigt wird. Von hier aus werden die für einen Einsatz unerlässlichen Materialien auf den Weg geschickt. Logistik hat einen hohen Stellenwert, tatsachlich bildet sie die dritte Säule von MSF, neben den Human Resources, also den medizinischen Überzeugungstätern vor Ort und in der Organisation, sowie dem Fundraising, immerhin erfolgt die Finanzierung zu 89 Prozent aus privaten Spenden.

Auch wenn angesichts der spektakulären Bilder von den Einsätzen in Krisengebieten dieser Aspekt gelegentlich übersehen wird, ist die Logistik ein entscheidender Erfolgsfaktor, wie es Patricia Low, Mitarbeiterinder Schweizer Sektion, auf den Punkt bringt:

Bevor wir helfen können, müssen unsere Mitarbeiter überhaupt erst einmal vor Ort kommen können – und ohne entsprechende Ausstattung konnten sie nur wenig anfangen!

Kein Wunder, dass für die Ärzte ohne Grenzen die Logistiker gleich wichtig sind wie medizinisches Personal.

Logistiker gehören zu den ersten Helfern vor Ort

Tatsachlich fehlt es manchmal selbst an rudimentärer Infrastruktur, sei es, dass sie durch Naturkatastrophen oder Kriegsgeschehen zerstört wurden, oder gar nicht erst vorhanden gewesen ist. Entsprechend übel sieht der Zugang zu Hilfsmitteln wie Medikamenten, Injektions- und Verbandsmaterial aber auch sauberem Wasser oder Strom aus. Patricia Low:

Jedes MSF-Team besteht deshalb auch aus Logistikern, die mit den Ärzten jeweils zu den ersten Helfern vor Ort gehören.

Doch nicht nur deshalb sind Transport und Lagerung bei MSF eine ganz besondere Herausforderung. Jean Pletinckx, Leiter des Brüsseler Zentrums, erläutert:

30 Prozent unserer Einsätze sind vorhersehbar, 70 Prozent sind es nicht.

Es sind nun einmal die wenigsten Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Epidemien planbar, entsprechend schwierig ist es, kurzfristig darauf zu reagieren.

Medecins Sans Frontiers

Doch gerade darin liegt die Aufgabe für die Supply Chain, wie der eigentliche Logistikbereich bei MSF heisst. Jean Pletinckx:

Wir sehen unsere Verpflichtung darin, alle notwendigen Mittel innerhalb von 24 Stunden bereit zu stellen bzw. in 48 Stunden auf zwei grosse Krisen gleichzeitig zu reagieren.

Ein äusserst ambitioniertes Ziel, das aber in den meisten Fällen wirklich erreicht wird. Möglich ist das einerseits durch die Erfahrung mit den örtlichen Gegebenheiten. Pletinckx, 47, seit über 20 Jahren bei MSF, ist dafür ein gutes Beispiel: Er kennt viele Krisengebiete persönlich: Die ersten Jahre war er auf nahezu allen Kriegsschauplätzen im Einsatz, von Kongo, Zaire, Liberia bis Bosnien und Iran, danach im russischen MSF-Hauptquartier für Osteuropa zuständig, anschliessend in Indonesien und schliesslich Südafrika, wo es um die HIV-Bekämpfung ging. Seit vier Jahren leitet er nun das Zentrallager in Brüssel, von wo aus die Hilfstransporte koordiniert werden. Ein Fulltime-Manager, der beinahe minütlich mit neuen Herausforderungen konfrontiert wird.

Logistik bleibt komplexestes Element in der Hilfsorganisation

Eine andere Unterstützung bieten die sogenannten Notfall-Kits, weitgehend vorbereitete Zusammenstellungen der Materialien für die unterschiedlichsten Einsatzbereiche. Rund 500 solcher verschiedener Kits gibt es, jedes davon enthalt die notwendige Ausrüstung für eine bestimmte Krisensituation.

Antoine Delaitre ist Supply-Verantwortlicher für MSF Schweiz in Genf und auch schon seit fünf Jahren dabei, natürlich mit entsprechender Feld-Erfahrung in diversen Krisenregionen. Er berichtet:

Das komplette Ebola-Kit versorgt beispielsweise ein Team während zwei Wochen mit genügend Material, um die Ebola-Patienten zu betreuen. Das Kit Chirurgie 300 Einsätze erlaubt es, in einem Konfliktgebiet einen chirurgischen Einsatz zu starten und in einem Monat 300 grössere Eingriffe in einer Krankenhausstruktur von 100 Betten vorzunehmen. Die Kits betreffen nicht nur Medikamente und Erste-Hilfe-Ausstattung. Viele enthalten etwa auch Geräte zur Wasseraufbereitung, für Kommunikation oder Energieversorgung.

Schliesslich soll die Not langfristig gelindert werden. Die Notfall-Kits bieten zwar eine wirkungsvolle Unterstützung, doch bleibt die Logistik wohl das komplexeste Element innerhalb der Hilfsorganisation – und innerhalb der logistischen Welt. Das hat viele Gründe. Einer davon ist der schon angesprochene Mangel an funktionierender Infrastruktur in den Katastrophengebieten. Auch wenn von Lastwagen bis zu gecharterten Frachtflugzeugen und Hubschraubern alle denkbaren Verkehrsmittel eingesetzt werden, „wir müssen davon ausgehen, dass manche Sendungen nur von Hand verladen werden können." Und auch der Weitertransport erweist sich meist als kompliziert, häufig sind Träger die einzige Transportmöglichkeit am Zielort.

Das Unvorhersehbare macht Logistik zum Extrem

Die nächste Herausforderung sind die Mengen und die Unterschiedlichkeit des Materials, das in kürzester Zeit bewegt werden muss. „Für die Krise im Südsudan mussten wir für 100.000 Flüchtlinge 255 Kits verschicken – Medikamente, Zelte, Wasseraufbereitungsanlagen", beschreibt Pletinckx' Kollege Stefaan Phlips eine typischeAufgabe. Flexibilität und Planung müssen zusammenspielen, so schwierig das auch angesichts der Komplexität ist. Zu berücksichtigen sind dabei die spezifischen Anforderungen des Transportguts: Medikamente, die nur gekühlt haltbar sind, sterile Instrumente, komplexe Geräte.

Das Beispiel einer kompletten mobilen OP-Einrichtung – eine neue Entwicklung speziell für MSF – mag veranschaulichen, was alles erforderlich ist, um funktionierende Hilfsmassnahmen durchführen zu können. Dazu kommen die laufenden Aktualisierungen des Lagerbestandes, weil bestimmte Pharmazeutika nur begrenzte Haltbarkeit haben. Oder auch die Tatsache, dass manche bewährte Medikamente in einem Land nicht zugelassen sind und kurzfristig Ersatz beschafft und ausgetauscht werden muss.

Und immer wieder ist es das Unvorhersehbare, bei aller Vorbereitung nicht zu Planende, was die Aufgabe der MSF-Logistiker zum Extrem macht. Jean Pletinckx erläutert das an der Ebola-Epidemie:

Es war völlig unklar, wie sich die Ausbreitung entwickelt. Wird die Epidemie einzudämmen sein oder auf Nachbarstaaten übergreifen? Wir mussten hunderttausende Schutzmasken, Schutzanzüge, Zelte und medizinisches Material nach Westafrika senden. Das alles natürlich in kürzester Zeit!

Die Anforderungen sprengten selbst die Kapazitäten der Médecins Sans Frontieres und Pletinckx bat bekannte Logistikunternehmen als Subunternehmer einzuspringen. Doch die mussten absagen, die Zeit- und Mengen-Vorgaben seien für sie einfach nicht zu realisieren! Schliesslich gelang es, die Aufgabe doch mit eigenen Mitteln zu bewerkstelligen. Pletinckx fasst die Maxime der MSF-Logistik knapp zusammen:

Die Dinge müssen gemacht werden. Und es ist keine Frage, etwas nicht zu tun, weil es viel zu schwierig ist, zu kurzfristig oder zu teuer. In jedem Fall müssen wir es machen.

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Médecins Sans Frontières (MSF), auch Ärzte ohne Grenzen bzw. Doctors Without Borders, ist eine private, unabhängige Hilfsorganisation. Sie entstand 1971 aus dem Zusammenschluss von Grouped' Intervention Médicale et Chirurgicaleen Urgence, gegründet als Folge des Biafra-Krieges, und Secours Médical Français, eine Reaktion auf den verheerenden Bhola-Wirbelsturm in Bangladesch. Seither leistet sie weltweit medizinische Nothilfe bei Katastrophen und in Kriegsgebieten. 1999 wurde MSF der Friedensnobelpreis verliehen. 


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