Ein Gespräch mit Prof. Dr. Uwe Kubach, Chief Evangelist Internet of Things bei SAP.  

Wie wohl kein anderes Unternehmen befindet sich SAP am Schnittpunkt von OT und IT. Wie wirken sich Industrie 4.0 und das Internet of Things (IoT) aus?

SAP investiert ganz intensiv in diesem Bereich. Schon im Oktober 2015 wurde die Entwicklungseinheit gebildet, der ich auch angehöre, in der mittlerweile gut 1.600 Fachleute verschiedener Richtung arbeiten. Es geht nicht nur um brandneue, sondern auch um klassische Applikationen, die jetzt, wie wir sagen, „IoT enabled“ werden. Bei den Kunden ist das Thema auch angekommen, obwohl je nach Größe und Branche die Entwicklung unterschiedlich weit ist. Bei Mittelständlern treffen wir immer noch auf eine gewisse Unsicherheit. Da unterstützen wir dann mit Design Thinking Workshops (Link zu Design Thinking-Blog) und anderen Maßnahmen.  

Schrittweise Geschäftsprozesse optimieren  

Muss es immer gleich ein neues Geschäftsmodell sein? Oder lässt sich auch schrittweise vorgehen und erstmal ein bestimmter Geschäftsprozess optimieren?

Entscheidend ist die Frage, was ist der Wertetreiber? Wo liegt der Mehrwert? Dann gibt es zwei Richtungen: Einmal wird ein existierender Prozess nach Kosten, nach Durchlaufzeit, nach Energieverbrauch usw. optimiert, weil mit IoT größere Transparenz über die einzelnen Prozesse besteht. Dann kann die Optimierung auch zu neuen Geschäftsmodellen führen. Das ist natürlich ein bisschen ehrgeiziger, aber da sind auch schon viele Kunden unterwegs. Die sagen zum Beispiel: „Ich verkaufe keine einzelnen Produkte mehr, sondern einen ganzen Service.“  

Ein Beispiel dazu?

Ein Paradebeispiel ist Kaeser Kompressoren, die nicht mehr nur einzelne Kompressoren verkaufen, sondern auch den Service, dass der Kunde einen Kompressor 24 Stunden, 7 Tage die Woche verfügbar hat. Mit IoT wird aus der Ferne überwacht, wann ein Ersatzteil oder die Wartung fällig wird, und dann automatisch proaktiv ein Servicetechniker geschickt. Im zweiten Schritt lässt sich so eine Leistung ganz neu abrechnen. Nicht mehr jeden Monat eine bestimmte Servicegebühr, sondern Abrechnung nach Kubikmeter Luft, die produziert werden.  

Das ist natürlich gerade für kleinere Unternehmen interessant, die den Kompressor nicht ständig im Einsatz haben. Das erweitert die Zielgruppe und ist für Kaeser ein wichtiges Differenzierungskriterium. Pay per use – auch die Logistiker arbeiten daran, mit Konzepten wie pay per pallet, pay per move …  

Under Armour haben auf andere Weise ihr Geschäftsmodell dramatisch geändert. Ursprünglich ausschließlich Hersteller und Verkäufer von Sportunterwäsche hat man mehrere Anbieter von Fitness-Apps übernommen, ist damit mehr und mehr Dienstleister im Health-Umfeld und erreicht jetzt 38 Mio. Endnutzer.  

Mit Retrofit die Zeit von der Bestellung bis zur Auslieferung reduzieren

Ist die Optimierung nicht auch eine interessante Retrofit-Möglichkeit?

Retrofit ist gerade bei Industrie 4.0 ein sehr wichtiges Thema, vor allem für den Mittelstand. Ein bestehender Maschinenpark wird nicht ad hoc durch IoT-taugliche Geräte ersetzt werden können.  

Die Erwartung ist, mit einer Blackbox an den Geräten die Verbindung ins Internet zu bekommen. Der Bedarf ist da, deshalb gibt es viele Partner von uns, die entsprechende Lösungen anbieten. Start small, think big – danach aber auch: act now!  

Es ist die Zeit, Entscheidungen so zu treffen, dass man entsprechend skalieren kann.  

Harley Davidson hat sehr stark auf die Shopfloor-Konnektivität gesetzt, also IoT im engeren Produktionssinn. Damit ließ sich die Zeit von der Bestellung bis zur Auslieferung massiv reduzieren – von mehreren Wochen auf Stunden. Premiumkunden, die bereit sind, können wenige Stunden vorher die Bestellung finalisieren und dann sogar bei der Produktion ihres Motorrads dabei sein – ein Riesending für einen Harley-Fan!  

Deshalb die Empfehlung, sich früh über die Wertetreiber klar zu sein, und dann auch eine unternehmensweite Strategie für digitale Transformation zu haben.  

Die sollte möglichst alle Bereiche eines Unternehmens betreffen?

Die unternehmensweite Strategie, die idealerweise von oben getrieben wird, ist wichtig, ebenso die technische Konsistenz. Man muss auch die Technologien zu Ende denken. Es macht wenig Sinn, die Hard- und Software-Komponenten unterschiedlichster Anbieter zu kombinieren.  

Wer heute eine IoT-Plattform anbieten will, muss sehr viel verschiedene Szenarien bedienen. Sie haben zum Beispiel einen Verkaufsautomaten, den wir konnektieren, der schickt eine SMS/Tag über den Füllzustand jeden Slots, das sind nur ein paar Bytes. Am anderen Ende des Spektrums stehen Maschinen mit 200 Sensoren pro Einheit, die mehrere tausend Daten/ Sekunde liefern. Das lässt sich nicht alles mit der gleichen Datenbanktechnologie oder den gleichen Nachrichtenprotokollen leisten.  

Das betrifft durchaus auch die Logistik bzw. Intralogistik?

Ich diskutiere viel mit dem Fraunhofer Institut IML in Dortmund Szenarien, dass künftig der Transportauftrag nicht mehr zentral im ERP geplant wird, sondern es vielleicht nur noch ein Transportziel an eine Flotte selbstfahrender Flurförderfahrzeuge gibt, die lokal entscheiden, wie sie dieses Ziel erfüllen können. Denn sie haben viel mehr Informationen: Wie ist der Ladezustand, wie ist die Distanz zum Transportgut, wo steht es genau..? Die Fahrzeuge können lokal in Verhandlung treten und entscheiden, was der beste Weg ist. All diese Daten würden ja nicht zentral in einem ERP vorgehalten.  

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