Michael Kuhn
Michael Kuhn war verantwortlich für die Umsetzung neuer Fördermodule im Global Center of Excellence „Förderer & Sorter" bei Interroll. Heute ist er Geschäftsführer der Interroll Kronau GmbH, welches die Interroll Gurtkurve für den europäischen Markt herstellt.

Michael Kuhn vom Global Center of Excellence bei Interroll spricht im Interview über Innovationszyklen, Trends und komplexe Innovationsprozesse in einem internationalen Konzern.

Eine Produktion- oder Förderanlage besteht aus den unterschiedlichsten Modulen, die bei Interroll auch an ganz unterschiedlichen Standorten gefertigt werden. Wie managen Sie solche Innovationsprozesse? Wo liegen die Schnittstellen, wie wird so etwas gesteuert und überwacht?


Michael Kuhn: Grundsätzlich haben wir für die Automationsprodukte drei Fertigungsstandorte und ein Center of Excellence in Sinsheim für die weltweiten anderen Fertigungsstandorte. Hier wird definiert, erfunden und umgesetzt – danach wird es weltweit ausgerollt. Wenn Sie aber Neues erfinden, machen und definieren, ohne vorher die anderen im Boot zu haben, nehmen die es nicht an, da wird Ihnen dann der Not-invented-by-me-Effekt begegnen. Deshalb müssen wir von Anfang an viel weiter gehen Wir werden hier in Sinsheim Fertigungslinien und Montagelinien aufsetzen und werden dann genau die gleichen Elemente und Abläufe an den Standorten USA und China kopieren. Das heißt, wir parallelisieren, ebenso wie beim Produkt, den Rollout mit den verschiedenen Themen vom Marketing über das Produktmanagement, Engineering Tools und über die Fertigungsprozesse.

Fördertechnik wird schneller, Fördergüter werden schwerer


Wobei man ja gleichzeitig die Innovationszyklen auf Kundenseite beachten muss. Entsprechen die in etwa dem, wie Sie vorgehen und entwickeln? Oder ist das eher ein Reagieren?

Es gibt einige innovative Anforderungen bei den Anlagenfunktionalitäten, da sind generelle Trends zu erkennen: Wir erleben die Fördertechnik schneller werdend, Fördergüter schwerer werdend, schneller in den Sortierungen, schnellere Warenumschläge passieren, auch im E-Commerce und im Lagerbereich, gerade Lebensmittellagerbereiche werden immer dominanter, ebenso im Coolbereich. Fördergüter werden schwerer, zudem muss schneller transportiert und schneller sortiert werden. Fördergüter werden deshalb schwerer, weil heute die Anlagen so durchgängig automatisiert sind, dass normalerweise kein Mensch mehr die Fördergüterumschichten oder heben muss. Damit ist mehr Ware auf der gleichen Fläche unterwegs, und das dann auch noch schneller. Hier sind Innovationen in dem Sinne gefordert, ich würde es nicht als Revolution bezeichnen. Es geht eben darum, eine solide Fördertechnik für den Kunden in die nächste Generation zu heben, damit schneller und schwerer transportiert und distribuiert werden kann.

Industrie 4.0 ist ja in aller Munde. Hoch-integrative Datenflüsse im System, die quasi horizontal und vertikal in allen Prozessketten genutzt und zum Vorteil ausgenutzt werden können.


Das ist etwas, was wir in der Zukunft erleben werden. Das Schlagwort heißt Flexibilisierung, also schnelle Reaktion auf Veränderung, sonst bräuchte ich die Datenströme nicht. Dazu stellt man Feldbusstrukturen zur Verfügung, die alle relevanten Informationen transportieren und verarbeiten können. Und dann will man natürlich, dass die Anlage darauf reagieren kann. Unterschiedliche Lastspiele, unterschiedliche Wegeszenarien, auch Wartungsprotokolle.

Wie passen Flexibilisierung und Standardisierung zusammen?

Die entscheidende Frage lautet: Auf welche der Ebenen schieben Sie den Standardisierungslevel? Wenn Sie den Level auf die Ebene der Förderer legen, bekommen Sie ganz viele Varianten. Wenn Sieden Standardisierungslevel aber auf eine Baugruppen- und Teilebene darunter schieben, dann lassen sich durch geschickte Kombinatorik mit wenigen Baugruppen und Teilen unendlich viele ganz unterschiedliche Förderer bauen. Die sind im Prinzip alle gleich, in der Anwendung aber alle verschieden. Es ist die Kunst, die Ebene der Standardisierung in dem kompletten Strukturbaum einer Anlage auf die richtige Ebene zu legen – und das dann auch konsequent durchzuziehen.

Kernkompetenz der Kunden ist Interrolls Herausforderung


Industrie 4.0 steht für die voll automatisierte Smart Factory, intelligente Produktion und intelligente Produkte. Was heißt das für die Innovationen von Interroll?


Bei der voll automatisierten Fabrikation passiert diese Vollautomatisierung ja nicht in der Fördertechnik, sondern an dem Ziel, dort, wo Sie mit der Fördertechnik hinfahren. Sie haben dann Roboterarbeitsstationen, Veredelungsarbeitsstationen usw. Am Ende müssen Sie clever, das heißt mit guten Schnittstellen, am Veredelungsprozess ankommen, in diesem Prozess dort die Ware zuführen und wieder entgegennehmen. Das ist in erster Linie ein Schnittstellenthema, also sowohl ein mechanisches als auch ein Datenschnittstellenthema. Dazu wird unser Kunde in den Bahnen RFID-Antennen oder Scanner installieren und diese an unseren vorinstallierten Feldbus anschließen können. Durch die schnellen Feldbus-Netzwerke können die Daten schnell weitergeleitet und verarbeitet werden, sodass Wege-Strategien schnell entwickelt oder geändert werden können.

Das machen aber unsere Integratoren. Die Produktewelt von Interroll ist die dezentralisierte Steuerung am Förderer. Datenflüsse, Aktorik, also alles, was Motoren und Sensorik angeht. Und am besten alles energiesparend. Alles, was in den Steuerungsebenen darüber stattfindet (Anlagensteuerungen, Materialflussrechner und Lagerverwaltungsrechner), sind die Kernkompetenzen unserer Kunden. Insofern ist deren Kernkompetenz auch unsere Herausforderung.

Abschließend: Was bedeutet Industrie 4.0 für Interroll? Chance oder Bedrohung?

Alles ist immer eine Chance. Sie müssen es immer richtig anwenden, aufs richtige Pferd setzen, die Trendsetter ausmachen, selber Trendsetter sein, mit den richtigen Partnern spielen. Bedrohungen gibt es sowieso keine, es gibt nur Herausforderungen – und Chancen.

Lesen Sie auch den 1. Teil des Interviews über den Unterschied von Evolution und Wow-Effekten.

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