Die Frage der Zukunft: Auf welche Weise werden die Objekte der Begierde geordert? Per Smartphone und Touchscreen oder GlassesDatenbrille? © pexels.com
Die Frage der Zukunft: Auf welche Weise werden die Objekte der Begierde geordert? Per Smartphone und Touchscreen oder GlassesDatenbrille? © pexels.com

Wie wird sich der Handel in den nächsten Jahrzehnten entwickeln? Welche Einflussfaktoren werden in Zukunft Kundenwünsche, Kaufverhalten und Distribution bestimmen? Ist Online Alleinherrscher oder schlägt das Pendel zurück und der Tante-Emma-Laden feiert Wiedergeburt? Sicher ist nur: Für die meisten Zukunftsmodelle sind heute schon die Voraussetzungen geschaffen.

Prognosen sind bekanntlich besonders schwer, wenn sie die Zukunft betreffen. Je weiter in die Ferne extrapoliert werden muss, desto gewagter sind die Spekulationen. Was wurde nicht alles für das 21. Jahrhundert an fantastischen Entwicklungen angekündigt – und doch hat andererseits die Realität selbst die kühnsten Träume in den Schatten gestellt. Und die Innovationszyklen werden immer kürzer. Nicht zuletzt, weil die globale Vernetzung die Verbreitung von Ideen, Informationen und Objekten ungeheuer beschleunigt. Auch der Handel wird künftig in noch weit größeremMaß vernetzt und international verbunden sein. Landes- und Kontinente-Grenzen werden – abgesehen von nationalem, politisch bedingtem Protektionismus – kein Hemmnis für den weltweiten Austausch sein. Google macht es vor: Warum soll die Warenwelt nicht ebenso ubiquitär und in Sekundenschnelle verfügbar sein?

Leben im Internet der Dinge selbstverständlich bis 2030


Der Onlineeinkauf ist keine Option für die Zukunft, er ist Selbstverständlichkeit! Bis ins Jahr 2030 werden Menschen gänzlich mit den Dingen vernetzt sein. Der amerikanische Technikphilosoph Kevin Kelly geht davon aus, dass sich die neue Technologie zu einer Art Meta-Natur entwickelt und mit den Menschen und ihrem Alltag verwächst. Die Technologie wird natürlicher und der Mensch wird technologischer.

Fraglich ist da höchstens, auf welche Weise die Objekte der Begierde denn geordert werden. Per Smartphone und Touchscreen oder Google GlassesDatenbrille, mit einer Handbewegung – in Fortführung der Kinect-Technologie – oder gar, wie Futuristen träumen, via Smart Teeth, dem im Gebiss implantierten Bestellcoupon. Oder tragen wir dann schon längstden virtuellen Laden als Wearable Technology am Leib und lächeln ob der guten alten Zeit, als die Menschheit noch ein Handy mit sich schleppen musste? Das Medium ist allerdings zweitrangig, denn alle Geräte, Techniken und Angebote werden ohnehin zusammenspielen, Kompatibilitätsprobleme wird es nicht mehr geben. Und das nicht nur in der Kommunikation von Kunden und Anbietern.

Umfassende Vernetzung in der Logistik


Schon jetzt läuft der Warenfluss bekanntlich weitgehend automatisiert, künftig wird die Vernetzung umfassend sein, von der Bestellung bis zur Fakturierung, von der Lagerhaltung bis zu den Retouren. Integrierte Chips in jedem Produkt lassen nicht nur den gesamten Transportweg, intern wie extern, genau nachverfolgen, sondern geben auch Auskunft über die relevanten Eigenschaften wie Größe, Gewicht, Zustand, Verweildauer, Haltbarkeit usw. Und natürlich sind auch Fakten wie Beliebtheit, saisonale Nachfrageschwerpunkte oder additive Angebote dokumentiert. Schon kaufen sich Verlage etwa bei Online-Foodlieferanten ein.

Doch auch der Konsument gewinnt an Macht im Spiel um Angebot und Nachfrage. Nicht nur, dass die Unternehmen im Internet „nackt" sind, wie es der Zukunftsforscher Peter Wippermann vom Hamburger Trendbüro drastisch formulierte. Mit den Möglichkeiten der digitalen Interaktion wächst auch der Einfluss des Kunden.

Laura Jones, Product Marketing Manager von Google Shopping:

Mit dem Überfluss neuer Handelskanäle haben die Nutzer mehr Einkaufswege denn je. Die Leute wollen plattform- und geräteübergreifend shoppen, und je nahtloser diese Erfahrung ist, desto besser.

Der Kunde wird Partner. Das beginnt bei der Integration von Vorschlägen in der Produktentwicklung bis hin zu klaren Vorgaben an Hersteller und Handel. Wird darauf nicht reagiert, wandert der Konsument ab. Nur noch wenige Unternehmen haben die Kraft und das Image, die Markentreue zu bewahren. Selbst eine Ikone wie Apple zeigt da Erosionserscheinungen, ähnlich wie bedeutende Handelshäuser, bei denen der Einkauf bisher ein „Must" war.

Individualisierung im Onlinehandel erfordert spezialisierte Logistik


Sicher ist: „The longtail", wie Chris Anderson das Phänomen beschreibt, dass via Onlinehandel selbst Einzelobjekte (und ausgesprochene Ladenhüter) rentabel sein können, wird sich noch weiter ausdehnen. Denn Individualisierung und damit Mass Customizing sind immer mehr gefragt, nicht nur im Westen, auch schon in den Schwellenländern.

Was in der Autoindustrie schon selbstverständlich ist, wird auch für Konsumgüter gelten: Persönliche Konfigurierung lautet die Anforderung. „Auflage: 1 Stück" bedeutet aber für den gesamten Produktions- und Logistikprozess eine enorme Veränderung. Zugleich ergeben sich daraus aber auch Chancen für den etablierten Handel – und innovative Nischenanbieter. Neue virtuelle wie reale „communities" entstehen zu immer differenzierteren Themen, „shops" werden zum Fan-Treffpunkt.

Was bedeutet das für die Logistik? Längst arbeiten die großen E-Commerce-Player mit spezialisierten Lieferanten zusammen, doch inzwischen setzt sich die Diversifikation auf den Versand fort. Platzhirsch Amazon setzt seine Strategie, noch näher am Kunden zu sein, konsequent und lässt zentrumsnah kleinere Zwischenlager entstehen, teilweise mit bewusst beschränktem, aber stark nachgefragtem Sortiment und weitgehend automatisierten Abläufen. Das gilt auch für die Eroberung neuer Märkte. Masse macht's, Sonderwünsche dauern eben etwas länger, werden aber selbstverständlich so zeitnah wie möglich erfüllt. Vielleicht aber auf anderen Wegen. 

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