Prof. Dr. Michael Braungart ©  Edith Stenhuys
Prof. Dr. Michael Braungart © Edith Stenhuys

Wir sprachen mit Dr. Michael Braungart, Leiter der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg, über intelligente Verschwendung statt fantasielosem Verzicht.

Er provoziert gerne mit überraschenden Denkansätzen und irritiert nicht selten die Gesprächspartner mit erstaunlichen Analogien. Doch seine unkonventionellen Aussagen sind fundiert. Seit zehn Jahren propagiert Prof. Dr. Michael Braungart weltweit das Prinzip Cradle-to-cradle für einen kreativeren Umgang mit den Ressourcen der Erde.

Der Kämpfer für eine umweltgerechte Herstellung verblüfft mit einem Bekenntnis zum Konsum. Denn für den von Kritikern gerne als grüner Sektierer eingeordneten Wissenschaftler geht es keineswegs darum, immer weniger herzustellen. Alle Versuche, noch effizienter und sparsamer zu produzieren, bedeuteten letztlich nur, weniger schlecht zu sein.

„Sie machen sich damit den Kunden zum Feind. Mit all diesen Maßnahmen sagen die Unternehmen ihren Kunden letztlich, wenn Du gar nichts kaufst, ist es ja noch besser."

Das sei doch ein ziemlich trauriges Geschäftsmodell, das zudem auch ökonomisch nicht funktionieren kann. Aber auch ökologisch ist dieser Weg nicht erstrebenswert, denn weniger schlecht ist noch lange nicht gut.

Neue Produktionsperspektive: Abbaubare Rohstoffe im Fokus


Der promovierte Chemiker Braungart sieht deshalb die größten Chancen in einem fundamentalen Wandel der Produktionsperspektive. Schon bei der Wahl der Rohstoffe sollte die umweltgerechte Abbaubarkeit im Fokus stehen, das nütze dem Menschen, der Umwelt und nicht zuletzt auch der Wirtschaft. Dass eine solche Neuorientierung nicht einfach ist, ist ihm klar, gerade in Zeiten globalisierter Produktion. Die Unternehmen wüssten nämlich oft selbst nicht, welche Stoffe ihre Produkte enthalten. Der Zulieferer sitzt vielleicht in China, erhält aber wiederum Komponenten aus Indien und so weiter. Michael Braungart hat in den USA einmal Spielzeug eines Markenherstellers untersucht und darin chemische Verbindungen gefunden, die sicher nicht in ein Kinderzimmer gehören. Auch der Hersteller war entsetzt.

„Wir sind mit diesem Konzept sogar weiter als Greenpeace mit ihrer Detox-Kampagne, bei der sie sagen, was giftig ist, muss raus. Denn was nützt es, wenn draufsteht „frei von Pentachlorphenol". Dafür ist dann Tetrachlorphenol drin und das ist noch viel krebserregender. Es geht nicht darum, was nicht drin, sondern darum, was enthalten sein soll."

Dieser scheinbar einfache Paradigmenwechsel bedeutet meist einen langwierigen Prozess. Braungart gibt dazu ein eindrucksvolles Beispiel:

„Wir haben für die Entwicklung eines Papiers, das man wirklich rückstandsfrei verbrennen kann, 18 Jahre gebraucht. Es ist ein hochoptimiertes Papier – mit anderen optischen Aufhellern, mit anderen Streichmitteln, mit anderen Hilfsstoffen bei der Verarbeitung."

Das hat eine Fülle von Tests und Entwicklungsreihen benötigt. Doch wenn man normales Papier, eine Zeitung oder eine Broschüre verbrennt, ist die Asche derart kontaminiert, dass sie etwa in der Landwirtschaft nicht eingesetzt werden kann.

Stuhl Hermann Miller Mirra
Komplett biologisch abbaubar oder zu recyceln: Bürostuhl Mirra© von Herman Miller, einem Unternehmen, das sich dem C2C-Konzept verschrieben hat.

Cradle-to-Cradle in Deutschland noch verhalten


Manchmal braucht es einen langen Atem. Deshalb legen Braungart und sein Unternehmen EPEA Wert auf langfristige Zusammenarbeit. In Deutschland hänge noch immer viel vom einzelnen Vorstand ab. So war es ein Glücksfall, dass bei der Sportartikel- und Modemarke Puma auch die neuen Vorstände die C2C-Linie des Initiators Jochen Zeitz fortführen.

Immer effizienter und sparsamer zu produzieren, bedeutet letztlich nur, weniger schlecht, aber nicht gut zu sein.

„Puma wird bis 2020 das gesamte Unternehmen nach C2C umgestellt haben. Im Februar kommt die erste Kollektion auf den Markt. Wir sind sicher, dass es uns gelingen wird, auf diese Weise die gesamte Textilindustrie zu verändern."

Auch wenn es Kooperationen mit Großunternehmen wie VW oder BASF gibt, ist die Resonanz in Deutschland, anders als etwa in Belgien, den USA oder der Schweiz, noch verhalten. Für den C2C-Pionier liegt das in einem national bedingten Missverständnis:

„Wir haben gemerkt, dass in Deutschland Nachhaltigkeit und das Cradle-to-cradle- Konzept immer noch als eine moralische Aufgabe verstanden werden. Aber das ist verheerend, denn die Moral ist immer konjunkturabhängig. Wenn man aber unter Stress steht oder die Konjunktur zurückgeht, vergisst man die Moral – da bin ich auch nicht besser als jeder andere."

Die Natur ist unsere Lehrerin, unsere Partnerin, aber sie ist nicht unsere Mutter.

Dazu komme der Irrtum, dass man die Natur als Mutter ansehe:

„Dieses romantisierte Naturbild macht uns als Ingenieure und Wissenschaftler klein, macht uns sozusagen zum ungehörigen Kind. Die Natur ist unsere Lehrerin, unsere Partnerin, aber nicht unsere Mutter. Dass wir älter werden als 30 Jahre, liegt nicht an Mutter Natur, sondern das liegt an uns, den Ingenieuren, Medizinern und Wissenschaftlern."

Anders sehe das Verständnis etwa in den Niederlanden aus, das ganze Land ändere sich augenblicklich in Richtung C2C. Bedingt wohl auch durch die Lage und Geschichte der Bewohner.

„Die Holländer konnten ihre Natur nie romantisieren. Das Haus, in dem ich in Rotterdam lebe, liegt sieben Meter unter dem Meeresspiegel. Mutter Natur, also die nächste Flutwelle, kann mich da jederzeit mitnehmen. Das bedeutet, sich mit der Natur zu arrangieren. Aufgrund dieser ständigen Bedrohung haben die Holländer eine Unterstützungskultur."

Abonnieren Sie die Interroll Blog News

Diesen Artikel teilen


Kommentar schreiben