Digitalisierung, Automatisierung und Industrie 4.0 haben gerade auf die Intralogistik massive Auswirkungen. Doch wie bewältigen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Umbrüche der digitalen Revolution? Das untersucht die noch junge Disziplin der kognitiven Ergonomie.

Kleinere Losgrößen und größere Wechsel der Formate, kürzere Produktzyklen und höhere Anforderungen an Liefergeschwindigkeit und Flexibilisierung – die mit der Digitalisierung verbundenen Änderungen des Kaufverhaltens und der Kundenerwartungen schlagen sich auch unmittelbar in den Abläufen der Intralogistik nieder. Zugleich halten neuartige, digitale Assistenzsysteme wie Robotik, Wearables, RFID usw. Einzug in Lager, Kommissionierung und Versand. Beides bedeutet eine veränderte Belastung der Mitarbeiter vor Ort, deren Aufgaben komplexer werden und unter größerem Zeitdruck ablaufen.

Fokus rückt auf psychische Belastung

Ergonomie ist die Anpassung der Arbeitsbedingungen an den Menschen. Belastende Umgebungsfaktoren sind z. B. schlechte Lichtverhältnisse, Schmutz, Lärm, Rauch und Staub oder das Tragen von Schutzkleidung. Dazu kommen physische Anstrengungen wie das Arbeiten im Stehen bzw. unter Zwangshaltungen oder das Heben und Tragen schwerer Lasten. Mit dem wachsenden Einsatz digitaler Systeme rückt der Fokus jetzt auf die psychische Belastung.

Dr. Veronika Kretschmer ist Psychologin am Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML mit dem Spezialgebiet der kognitiven Ergonomie. Im Rahmen des Leistungszentrums Logistik und IT, eine Initiative des Fraunhofer IML in Dortmund in Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen, untersucht eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, inwieweit die Digitalisierung die Arbeit für die Betroffenen verändert. Denn bei aller Automatisierung ist der Mensch doch unverzichtbar.

Unsere Analysen zeigen, dass die Beschäftigten im Lager neben den körperlichen Belastungen auch psychischen Anforderungen ausgesetzt sind. Mit der digitalen Transformation der Prozesse kommen nun informatorische Belastungen hinzu, die zu einem veränderten Belastungsmuster führen werden.

Kommissionierung: Kunde nimmt fehlerhaftes System sofort wahr

Die Informationsdurchdringung im kosten- und zeitintensiven Kommissionierungsbereich hat in den letzten Jahren mit dem Einsatz elektronischer Hilfsmittel wie Handscanner, Pick-by-Light, Pick-by-Voice oder Pick-by-Vision stark zugenommen. Doch trotz einer wachsenden Automatisierung spielen manuelle Systeme bei der Kommissionierung weiterhin eine große Rolle, da sie häufig flexibler sind.

Nach Schätzungen werden rund 80 % der Prozesse noch manuell durchgeführt. Die Kommissionierung wirkt sich dabei umgehend auf die Reputation des Unternehmens aus, da der Kunde ein fehlerhaftes System sofort wahrnimmt. Und lag der Fokus bisher auf Kosteneffizienz, ist zunehmend eine humanzentrierte und ergonomische Gestaltung von Arbeitsumgebungen und Prozessen gefordert.

Augmented Reality hat Chancen im kurzfristigen Einsatz

Unter den „smart devices“ hat Augmented Reality (AR), die Verknüpfung der Realität mit eingespielten Informationen, besonderen Reiz.

Ein Vergleich von Papierlisten, Tablets und AR-Brillen während der Palletierung legt eine Eignung von AR nahe, allerdings gilt es, die Usability zu verbessern.

Veronika Kretschmer verweist dabei auf Probleme wie Gewicht, Kosten und Software-Vielfalt. Sie sieht deshalb die Chancen dieser Technologie vor allem in kurzfristigem Einsatz, etwa bei der Einarbeitung oder Instandhaltung.

Virtuelle Serious Games für realitätsnahe Trainings

Ein spannendes Untersuchungsfeld sind Virtual-Reality-Techniken (VR) für Schulungen in Form von virtuellen Serious Games. Sie erlauben eine VR-gestützte Simulation zu Schulung und Training mit einer wirklichkeitsgetreuen Wahrnehmung von Situationen, die real nur schwierig oder kostenintensiv vermittelt werden können. So lässt sich spielerisch der Lernerfolg erhöhen. Das zeigt auch eine Studie, die Veronika Kretschmer mit anderen durchgeführt hat. Hier wurden die logistischen Tätigkeiten eines Verpackungsprozesses realitätsnah simuliert. Die Ergebnisse zeigten eine gute Benutzerfreundlichkeit, ein positiv bewertetes Nutzererleben sowie eine moderate Beanspruchung.

Zentrales Ziel der kognitiven Ergonomie ist es, eine „beanspruchungsoptimale Gestaltung“ von Industrie 4.0-Systemen zu schaffen. Die sich wandelnden Arbeitsprozesse werden künftig auch die physischen und kognitiven Anforderungen in der Intralogistik ansteigen lassen. Neben der bekannten körperlichen Belastung sollten deshalb auch psychosoziale Tätigkeitsmerkmale und arbeitsorganisatorische Bedingungen verstärkt berücksichtigt werden, empfiehlt Veronika Kretschmer.

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