Adrian Keppler, Geschäftsführer von EOS GmbH
Adrian Keppler, Geschäftsführer von EOS GmbH.

Ein Gespräch mit Dr. Adrian Keppler, seit Mai 2017 CEO und Sprecher der Geschäftsführung der EOS GmbH, über additive Fertigung (Additive Manufacturing / AM) und die fundamentalen Auswirkungen dieser Technologie auf Produktion, Logistik und Geopolitik.  

Herr Dr. Keppler, Additive Manufacturing ist das neue grosse Thema. Bezogen auf die Logistik: Wie sieht es mit der Optimierung der Logistikketten aus? Werkstoffe, Ersatzteile, auch ganze Produkte, können via Datentransfer über Kontinente geschickt und am Endpunkt einfach ausgedruckt werden?  

Schicke ich die Teile um die Welt oder nur die Daten? Muss ich riesige Ersatzteillager vorhalten, oder genügt ein 3D-Drucksystem am Standort? Hier stecken Milliardenwerte an Einsparpotential – nicht zuletzt, weil herkömmlich ja Losgrösse 1 nur sehr aufwendig und teuer realisierbar ist. Braucht man heute ein Ersatzteil, muss man häufig 100 Stück produzieren und lagert 99 ein. Das ist beim 3D-Druck nicht nötig. Das Thema Spare Parts on Demand ist entsprechend ein spannendes Feld für unsere Technologie.  

Gibt es schon Anwendungen dazu? Wie kann das im Detail funktionieren?  

Künftig in jeder Kfz-Werkstatt der industrielle 3D-Drucker für die Ersatzteile – das klingt dann doch recht futuristisch. Aber wenn es um sehr viel Geld geht, wenn z.B. eine grosse Anlage steht und die Ersatzteilversorgung schwierig ist, überlegen Unternehmen schon, wie die Technik einzusetzen ist. Etwa, wenn auf einer Ölplattform ein Bauteil defekt ist und die Bohrplattform steht, dann sind das Millionenausfälle pro Tag.  

Mehr Flexibilität und Agilität für smarte Produktions- und Lieferketten möglich 

„All business is local“ – eröffnen sich nicht auch da ganz neue Perspektiven?   

Wenn lokal das Know-how zur Weiterverarbeitung besteht, kann ich die Bauteildaten überall hinschicken. Damit können auch weniger bevorzugte Regionen interessant werden. Regierungen fördern entsprechend die AM-Technologie, weil sie eine disruptive Möglichkeit sehen, Standortwerte verändern zu können und die Wertschöpfung zu steigern. Wo heute etablierte Produktionsketten auf Auslastung und Effizienz hin optimiert sind und gleichzeitig hohe Warenwerte über Lieferketten weltweit versendet werden, wird der 3D-Druck im Rahmen von Industrie 4.0 mehr Flexibilität und Agilität für smarte Produktions- und Lieferketten ermöglichen. 

Wie entwickelt sich Additive Manufacturing weiter? Wie entwickelt sich EOS weiter?  

Wir kratzen heute erst an der Spitze des Eisbergs. Beispielsweise liegt der Weltmarkt für Werkzeugmaschinen heute im dreistelligen Milliarden-Euro-Bereich pro Jahr, der Markt für 3D-Druck bei ca. 5. Aber es gibt Bauteile, wie vielleicht eine Hüftgelenksprothese oder Komponenten in Flugzeugturbinen, für die diese Technologie echte Vorteile bringt, die allein schon einen Marktwert in vergleichbarer Höhe haben.  

Und EOS? Unser Ziel ist es, in Serienfertigung zu denken. Heute ist unsere Technologie schon bei fünfstelligen Losgrössen wettbewerbsfähig. Eingeschlossen ist immer der Zusatznutzen, den ausschliesslich diese Technik bieten kann. Ich glaube nicht an die Heimnutzung von 3D-Druck – ich glaube an die Integration von 3D-Druck in industrielle Fertigungsketten. Auch die Marktstruktur ändert sich. Vor drei Jahren waren es noch die Unternehmen der ersten Stunde wie EOS, die AM-Lösungen angeboten haben. Jetzt kommen die grossen Maschinenbaukonzerne hinzu. Es gilt, unsere EOS-DNA zu nutzen, um im Wettbewerb zu bestehen. Wir sind gut positioniert und schauen sehr optimistisch in die Zukunft. 

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Dr. Adrian Keppler ist seit Mai 2017. CEO und Sprecher der Geschäftsführung der EOS GmbH. Seit 2013 trug er als Chief Marketing Officer die Gesamtverantwortung für Vertrieb, Service, Marketing und Business Development. Keppler hatte zunächst Geotechnik, dann Wirtschaft studiert und 1994 seine Karriere bei einem Schweizer Unternehmen für Mess- und Überwachungssysteme gestartet. In den Jahren 2000 bis 2009 war er bei der Siemens AG in verschiedenen strategischen und operativen Funktionen. 

Die additive Fertigung, auch industrieller 3D-Druck genannt, bezeichnet ein professionelles Produktionsverfahren, das sich deutlich von konventionellen, abtragenden Fertigungsmethoden unterscheidet. 

Anstatt zum Beispiel ein Werkstück aus einem festen Block herauszufräsen, entsteht das Objekt durch Hinzufügung des Werkstoffs: das Material – Metall oder Polymer – liegt feinst pulverisiert vor und wird in hauchdünnen Schichten auf einer Baufläche aufgetragen. Ein starker Laserstrahl schmilzt das Pulver exakt an den Stellen auf, die die computergenerierten Bauteil-Konstruktionsdaten vorgeben. Dann folgt die nächste Schicht und der Vorgang wiederholt sich so lange, bis das Objekt auf diese Weise komplett entstanden ist. Das nicht geschmolzene Pulver wird entfernt, das fertige Werkstück liegt vor.


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