Additiv hergestellte Zahnkronen im Pulverbett. Quelle: EOS, Bild: Marc Oeder
Additiv hergestellte Zahnkronen im Pulverbett. Quelle: EOS, Bild: Marc Oeder

Ein Gespräch mit Dr. Adrian Keppler, seit Mai 2017 CEO und Sprecher der Geschäftsführung der EOS GmbH, über additive Fertigung (Additive Manufacturing / AM) und die fundamentalen Auswirkungen dieser Technologie auf Produktion, Logistik und Geopolitik.

Herr Dr. Keppler, Additive Manufacturing ist das neue grosse Thema. Wo sehen Sie entscheidende Einsatzgebiete?  

EOS beschäftigt sich als Unternehmen schon seit 1989 mit additiver Fertigung. Es war jedoch lange ein Thema für Experten. Das hat sich deutlich geändert. Dabei muss klar zwischen konsumgüterorientierter Anwendung und industriellem 3D-Druck, dem Metier von EOS, unterschieden werden. Unser Ziel ist es, Serienbauteile, die heute mit konventionellen Technologien – drehen, schleifen fräsen, giessen – hergestellt werden, in ihrer Funktionalität zu optimieren.  

Wir wollen Mehrwert generieren.

Was sind denn wesentliche Vorzüge des industriellen 3D-Drucks?  

Unternehmen können mit unserer Technologie viele Dinge tun: Objekte einfacher fertigen (ein Teil besteht nicht mehr aus hunderten von Komponenten, sondern gerade aus ein paar); mit Funktionsintegration gestalten (Funktionen wie Gelenke werden direkt ins Bauteil integriert); Werkstoffe verwenden (z.B. schwer schweissbare Legierungen, die konventionell nur sehr schwierig verarbeitbar sind); individualisieren (Losgrösse 1 oder Varianten sind problemlos zu fertigen). Selbst komplexe Werkstücke sind in ein paar Stunden zu produzieren, die sonst Tage benötigen. Dieser „time to market“-Aspekt kann wettbewerbsentscheidend sein. Generell bietet die additive Fertigung ein hohes Mass an Designfreiheit – aus fertigungsgerechter Konstruktion wird eine anwendungsgerechte Konstruktion.  

Dreiklang aus System, Werkstoff und Prozess  

EOS ist Weltmarktführer für Additive Manufacturing Systeme. Aber sie entwickeln nicht nur die Hardware?  

Wir liefern keine „Kopierer“, sondern eine Fertigungstechnologie. Dafür bieten wir alle massgeblichen Elemente aus einer Hand: Wir sprechen hier vom Dreiklang aus System, Werkstoff und Prozess. Hinzu kommen Angebote im Bereich Service und Consulting: Entlang des gesamten Lebenszyklus, von der Teileauswahl über die Validierung des Fertigungsprozesses bis zum Hochskalieren der Produktion, bieten wir dem Kunden unsere Unterstützung an.  

Meist lautete die Frage in den letzten Jahren: „Kann unsere Technologie das?“ Gemeint sind z.B. komplexe Innenstrukturen, Leichtbau, Funktionsintegration, Mikrobauteile und ähnliches. Das alles kann Additive Manufacturing. Aber wir wollen wohlgemerkt konventionelle Produktionsverfahren nicht komplett ersetzen, sondern vielmehr ergänzen. Immer mehr Kunden fragen auch: „Könnt Ihr uns helfen herauszufinden, was wir machen sollen?“. Wir entwickeln gemeinsam Strategien, wie man sich durch den Einsatz von 3D-Druck vom Wettbewerb unterscheiden kann.  

Die meisten Ihrer Kunden sind Innovationsträger mit grossen, aufwendigen Entwicklungslabors. Böse gefragt, wozu brauchen die EOS?  

Siemens, General Electric, BMW usw. beschäftigen sich natürlich schon lange mit dieser Technologie und verfügen über viel Wissen. Aber auch die stossen immer wieder an Grenzen, wo sie zu uns kommen. Wir haben rund 2.500 Systeme bei Kunden installiert, das sind mehr als alle unsere Wettbewerber zusammen. Ausserdem beschäftigen wir mehr als 400 Ingenieure zum Thema 3D-Druck. Unsere Kunden haben im Vergleich derzeit nur einen Bruchteil an AM-Experten im Unternehmen.

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Dr. Adrian Keppler ist seit Mai 2017. CEO und Sprecher der Geschäftsführung der EOS GmbH. Seit 2013 trug er als Chief Marketing Officer die Gesamtverantwortung für Vertrieb, Service, Marketing und Business Development. Keppler hatte zunächst Geotechnik, dann Wirtschaft studiert und 1994 seine Karriere bei einem Schweizer Unternehmen für Mess- und Überwachungssysteme gestartet. In den Jahren 2000 bis 2009 war er bei der Siemens AG in verschiedenen strategischen und operativen Funktionen.

Die additive Fertigung, auch industrieller 3D-Druck genannt, bezeichnet ein professionelles Produktionsverfahren, das sich deutlich von konventionellen, abtragenden Fertigungsmethoden unterscheidet.

Anstatt zum Beispiel ein Werkstück aus einem festen Block herauszufräsen, entsteht das Objekt durch Hinzufügung des Werkstoffs: das Material – Metall oder Polymer – liegt feinst pulverisiert vor und wird in hauchdünnen Schichten auf einer Baufläche aufgetragen. Ein starker Laserstrahl schmilzt das Pulver exakt an den Stellen auf, die die computergenerierten Bauteil-Konstruktionsdaten vorgeben. Dann folgt die nächste Schicht und der Vorgang wiederholt sich so lange, bis das Objekt auf diese Weise komplett entstanden ist. Das nicht geschmolzene Pulver wird entfernt, das fertige Werkstück liegt vor.  


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