Picchio |
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Die anhaltenden Diskussionen über das Ende der Malerei geben den Werken Picchios einen besonders zeitgenössischen Beigeschmack, hat er doch immer schon versucht, die Grenzen des Mediums zu überwinden und eine dritte Dimension zu erschließen. Dieser Schwerpunkt reflektiert das grundlegende Ziel des besonderen Stils von Picchio, der auf der bemerkenswerten Erkenntnis beruht, dass die uns umgebende Wirklichkeit in erster Linie vom Vertikalen geprägt ist. Vertikale Formen dominieren so unterschiedliche Phänomene wie die Silhouetten vieler Städte und alter Dörfer mit ihrem Wirrwarr von Straßen, Statistiken in Form von Balkendiagrammen, die Darstellung von Börsenkursen und natürlich das allgegenwärtige Druckbild von Zeitungen. Diese Betonung des Räumlichen kommt auch durch Picchios bewusst großzügigen Farbauftrag mit dem Palettenmesser sowie die Integration von Collagen zum Ausdruck. Durch eine Reihe fließender Übergänge wird das Gemälde zu einem Objekt oder einer Installation aus mehreren dreidimensionalen Elementen, die in einzelne Segmente aufgelöst und kontrastierend nebeneinander gestellt werden können. Auch räumliche Effekte werden sichtbar durch die gemalten Balken, die den Raum überwinden, in dem sie frei stehen oder die wir gegen eine Wand gestellt, in einer Ecke lehnend, um ihre eigene Achse gedreht oder auf dem Kopf stehend vorfinden sowie durch ihre variable Ausrichtung und sich gegenseitig ergänzenden Anordnung. Dem Betrachter, der gewissermaßen selbst zu einem interaktiven Teil der Installation wird, bieten sie abhängig von seinem Standort völlig unterschiedliche Ansichten. Wichtig ist auch, dass die Balken gelegentlich neu angeordnet werden - so entsteht eine zusätzliche zeitliche Dimension. Ein besonderes Merkmal von Picchios Werken sind seine dreidimensionalen "zerrissenen" Bilder, basierend auf einer Technik, die auch auf räumliche Objekte angewandt werden kann. Dabei bringt der Künstler auf der Oberfläche Leinwandstreifen an, die von oben, unten, von der Mitte aus oder sogar diagonal entfaltet, anschließend mit Epoxidharz gehärtet und bemalt werden können. Die formalen Möglichkeiten dieses Verfahrens sind so vielfältig wie die Assoziationen, die sie hervorrufen. Das Verborgene wird aufgedeckt, das Verschleierte enthüllt und die Schönheit, die eben noch versteckt war, wird nun offenbart. Picchios Kunst ist zum großen Teil interaktiv. Das beginnt schon mit dem Auftrag der ungemischten Farben, die gemäß den Grundsätzen des Pointillismus den gewünschten Effekt allein durch die Wahrnehmung des Betrachters entfalten. Dies bringt uns direkt zum erklärten Ziel des Künstlers: Vor allem dort, wo seine Werke im Umfeld von Unternehmen eingesetzt werden, sollen sie einen positiven Einfluss auf Mitarbeiter und Besucher ausüben, ihre Aufmerksamkeit und Emotionen anregen. Die Tatsache, dass die Werke nicht rein intuitiv sind, sondern offensichtlich auf der Grundlage eines Konzeptes geplant wurden, steht in keinerlei Widerspruch zu diesen Emotionen. Picchio war jahrelang erfolgreicher Geschäftsmann, bevor er sich für eine Künstlerkarriere entschied; seine Begabung für unternehmerisches Denken hat er dabei nicht verloren. Das Ausstellen von Kunstwerken ist mittlerweile weithin als bedeutender Teil unserer Unternehmenskultur anerkannt; tatsächlich können heute viele anspruchsvolle Kunstprojekte nur mit Hilfe von Partnern aus der Wirtschaft realisiert werden. Picchio [Dieter Specht] ist gebürtiger Rheinländer. Er wurde 1936 in Remscheid geboren, lebt und arbeitet seit beinahe 20 Jahren im Tessin. Die von ihm mitbegründete internationale Unternehmensgruppe Interroll ist seit 1997 an der Schweizer Börse notiert. Nach einer erfolgreichen Karriere als Manager in der Industrie konnte er sehr schnell sein Ziel verwirklichen, seine Begabung im Bereich der modernen Kunst weiterzuentwickeln. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Welten unvereinbar, jedoch macht Picchio deutlich, dass die entscheidenden Fähigkeiten, die ihn als Geschäftsmann auszeichneten, auch für den Künstler unverzichtbar sind: Kreativität, Produktivität, das Streben nach Innovation, Vorstellungskraft und die Fähigkeit zum räumlichen Denken. Seine neue Karriere betreibt er im Übrigen genau wie die alte: mit Begeisterung, Professionalität und absoluter Hingabe. Seine lange Abwesenheit von der Welt der Kunst erweist sich nun als Vorteil: Sie gestattete es ihm, mit größerer Unbefangenheit zu arbeiten, seinen eigenen Stil unabhängig von Trends und Modeerscheinungen zu finden und seinem Ideenreichtum freien Lauf zu lassen. Martin Kraft |
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